8. September 2010, von Michael Wallkötter
Das verfügbare Einkommen liegt zehn Prozent unter dem NRW-Durchschnitt
Kreis RE. Auch wenn die Statistik einen anderen Eindruck vermittelt: Dr. Josef Hülsdünker hält das nördliche Ruhrgebiet nicht für das Armenhaus des Landes NRW. „Es gibt hier hochproduktive Wirtschaftsbereiche, zum Beispiel in der Chemie, in der hohe Vergütungen gezahlt werden“, betont der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Region Emscher-Lippe.
Doch leider existiert auch die andere Seite: Die spiegelt sich in einem hohen Prozentsatz an Arbeitslosen und vielen prekären Beschäftigungsverhältnissen wider. Die schwierigen sozialen Strukturen im Kreis Recklinghausen sind der Grund dafür, dass das verfügbare Einkommen der hier lebenden Menschen um zehn Prozent unter dem Landesdurchschnitt liegt.
Auf durchschnittlich knapp 18 000 Euro, so die jetzt vom statistischen Landesamt veröffentlichten Zahlen, beläuft sich im Kreis RE das verfügbare Einkommen je Einwohner und Jahr. Acht der zehn kreisangehörigen Städte – Ausnahmen sind Dorsten und Haltern – finden sich im landesweiten Ranking auf Plätzen im unteren Drittel wieder (siehe Info-Kasten rechts). Fast alle Kommunen im Kreis haben im Vergleich zum Vorjahr sogar noch an Boden verloren.
Der Abstand zu Städten mit gesunden Wirtschaftsstrukturen ist eklatant. So kann ein Attendorner Bürger (Kreis Olpe) im Durchschnitt 2,7 Mal mehr Geld ausgeben als ein Bewohner des Kreises Recklinghausen.
Schuldnerberater im nördlichen Ruhrgebiet warnen schon lange davor, dass sich die Krise des Mittelstandes verschärft. Die Zahl der Familien, die nur ein unzureichendes Einkommen haben, nicht investieren, keine Rücklagen bilden und nichts für ihre persönliche Fortbildung tun können, nehme ständig zu, heißt es beim Diakonischen Werk. Nach den Erfahrungen der Diakonie-Beratungsstellen sind vor allem Kinder die Leidtragenden: Sie bekommen kein warmes Mittagessen in der Schule, erhalten nicht die notwendigen Schulmaterialien und werden nicht gefördert.
Elf Prozent der Menschen im Kreis Recklinghausen (70 000) leben in einem Hartz-IV-Haushalt. Jeder achte volljährige Bürger gilt als überschuldet. Der Handel bekommt die Einkommensflaute hautnah zu spüren. Leerstehende Ladenlokale und die Zunahme von Discountern und Billig-Shops zeugen von der mangelnden Kaufkraft.
„Wir müssen erheblich mehr machen, um die Wirtschaftsstruktur der Region zu entwickeln“, sagt DGB-Chef Josef Hülsdünker. Dazu gehörten vor allem auch Investitionen in die (Aus-)Bildung und die Förderung der mittelständischen Wirtschaft. Hülsdünker: „Es ist erschreckend, dass die Quote der gewerblich Beschäftigten im Münsterland höher ist als in den vestischen Städten.“
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